Gerede … und die mutige Antwort auf platt

Tor mit plattdeutschem Spruch

                                           DO WAT DU WULLT,                                                                                                DE LÜD SNAKT DOCH.

Sinnbildlich: Tu was du willst, die Leute reden sowieso (über dich).

TEIL 1:
 

Eigentlich wollte ich zu dem schönen alten Spruch in dem schmiedeeisernen Tor eine Geschichte hinter der Geschichte schreiben.

Er hat mich mit einigen anderen Gegebenheiten zu dem Roman “Geheimsache! WortMUT” inspiriert. Oft bin ich an dem Tor vorbeigeschlendert, habe aber nie jemanden im Garten dahinter entdeckt. Dann kam mir zu Ohren, dass die jetzigen Besitzer des Häuschens hinter diesem Tor erst einige Jahre dort wohnen und wahrscheinlich gar keine Beziehung zu dem plattdeutschen Spruch haben.

Vielleicht aber auch doch.

Eines Tages habe ich angeklingelt und siehe da, wir sind sehr nett ins Gespräch gekommen ;).  Vielleicht, weil den “Neuen” das Tor selber so gut gefällt, vielleicht aber auch, weil sie passend zu dem Spruch in plattdeutsch auf dem Klingelschild mit einem wunderbaren alten deutschen N(achn)amen vertreten sind oder mein Anliegen einfach spannend fanden.

Leider konnten sie mir nicht direkt helfen, haben mir aber den Kontakt zum Vorbesitzer vermittelt. Einen Tag später war mein Brief an ihn auf dem Postweg.

Und wenn es tatsächlich keine Geschichte hinter dem Spruch gibt, was fast nicht möglich ist, dann habe ich in meiner Nachbarschaft zumindest sehr nette Menschen kennengelernt, die mir bisher nicht über den Weg gelaufen sind :).

Einen Blick über das (eigene) Gartentor zu werfen, lohnt sich also immer …

 

TEIL 2:

Es hat gerade mal einen weiteren Tag gedauert und es hat mich zudem riesig gefreut, als ich eine Nachricht auf meiner Mailbox vorfand. Und ja!

Es gibt tatsächlich eine Geschichte zu dem Tor.

Einige Tage später haben wir telefoniert. Die erzählte Geschichte hat mich sehr berührt. Mit dem Einverständnis des Sohnes gebe ich einen Teil dieser Lebensgeschichte hier wieder …

Briefe und Fotos 40er Jahre

Bild von pasja1000 auf Pixabay

Die Begebenheit beginnt mit “Es war einmal …”, obwohl es tatsächlich kein Märchen ist, sondern eine ganz besondere und mutige Lebens- und Liebesgeschichte.

Es war einmal eine katholische junge Frau namens Hildegard, die aus den Kriegswirren der Stadt Köln nach Iserlohn gekommen war. Ihr Berufswunsch war es, Lehrerin zu werden. Da ihre Referendariatsstelle ein Stück von Iserlohn entfernt lag, musste sie den Weg tagtäglich mit dem Bus zurücklegen.

Auf diesen Fahrten lernte sie einen jungen Mann namens Hermann kennen. Er war evangelisch,  Bäckergeselle und stammte aus einer kinderreichen Familie. Die Eltern waren früh verstorben, so dass sich seine Geschwister bemüht hatten, seine Erziehung zu übernehmen.

Hermann und Hildegard kamen auf ihren täglichen Fahrten ins Gespräch, mochten sich und verbrachten ihre Zeit miteinander.

Es wäre schöngeredet zu sagen, dass ihre Lebensplanung nicht auf Zustimmung stieß. Nach damaligen Vorstellungen waren Paare “mit unterschiedlichem Gebetbuch” nicht füreinander bestimmt. Zudem gehörte Hermann mit seinem Beruf im Bäckerhandwerk einer anderen “Schicht” an, als seine Braut.

Hildegard wurde massiv gemobbt. Sie wurde im Dorf gemieden und es wurde hinter vorgehaltener Hand über sie bzw. den “Sündenfall” getratscht. Ihr wurde sogar damit gedroht, nicht in den Lehrerberuf übernommen zu werden.

In der Nachkriegszeit stellte das eine existenzielle Bedrohung für sie dar. Die Tratscherei verbunden mit echten Drohungen wurde zu einer starken Belastung für das Paar. In Folge hat es zu der Erkenntnis geführt, dass auch eine völlig ehrenwerte Lebensführung nicht davor schützt, ausgegrenzt und gemobbt zu werden, wenn man nicht in das Bild des gerade modernen Zeitgeistes passt und dass man nichts darauf geben kann, sondern sein Leben so leben sollte, wie man es für richtig hält.

Das junge Paar war  sich seiner Liebe sicher, trotzte  dem Tratsch
und den persönlichen Angriffen und nahm sich vor, diese schwierige Zeit gemeinsam durchzustehen und zusammen zu leben.

Hildegard drängte es aus der gemachten Erfahrung heraus, sich lokalpolitisch und sozial zu engagieren. In Iserlohn war sie über lange Jahre tätig und bekannt als die “rote Hilde”.

Mit Hermann bezog sie eine erste Wohnung im Stadtkern, einige Zeit später fassten sie den Entschluss zu bauen.

Als Zeichen ihrer Liebe und als Symbol für den eisernen Willen zusammenzustehen, ließen sie sich von einem Schlosser als Eingangstor zu ihrem zukünftigen Heim das obige Tor schmieden.

MUT kann man lesen …

6 Antworten auf „Gerede … und die mutige Antwort auf platt“

  1. So etwas kenne ich auch. Meine Eltern haben 1952 geheiratet, Mama war evangelisch, Papa katholisch. Da es sich hierbei um eine “Mischehe” handelte, wurden beide nicht kirchlich getraut. Das nächste Problem war dann, dass Klein-Jutta nicht getauft werden konnte: Mischehe, nicht kirchlich getraut-ein Kind der Sünde? Erst als ich 14 war, war eine Taufe möglich, eine Woche vor der Konfirmation!

    1. Liebe Jutta, danke dir und allen anderen für die Kommentare. Ich vermute, fast jeder aus meiner Eltern- oder “Dazwischen“Generation kann ein Beispiel zu dem Thema beisteuern. Schreibt mir gerne noch weitere. Sonja

  2. Lieber Clemens,
    ja, Mut kann man lesen, das bringt es einfach so schön auf den Punkt. Die Geschichte gefällt mir deshalb auch so gut, Heike hat es schon geschrieben, weil sie vom Leben geschrieben wird …
    Ich überlege gerade welchen Spruch Henni und ich an die Tür schreiben sollen, danke für die Anregung.
    Liebe Grüße,
    Sabine und Henni.

  3. Hallo Sonja, der Spruch hing bei meinen Schwiegereltern in der Küche und seit dem Tod der Beiden hängt der Spruch bei uns in der Küche und manchmal sagen wir do wat du wullt, de Lüüd snakt doch.

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