Beinahe ein Krimi

Wäscheabteilung bei Karstadt Iserlohn

Mittlerweile ist bekannt, dass die Grazien immer für eine Überraschung gut sind. Und wenn erst ihr kriminalistischer Spürsinn angestachelt ist, sind sie schon einmal blind vor Eifer bei der Sache. Aber lesen Sie selbst!

Da die Hörbuch-Fans immer weiter zunehmen, habe ich auch diese Geschichte wieder gerne auf der HÖR-Seite eingesprochen …

 
 

Ein gewöhnlicher Samstag im Herbst. Einige Jahre liegt die Begebenheit zurück, zur Zeit, als das Iserlohner Brückencafé seinen Platz auf der Schillerplatzbrücke hatte.

Margarethe, Toni und Änne sitzen vor Spetsmann. Sehen und gesehen werden ist heute die Parole. Eigentlich würden sie auch gerne einmal nach Düsseldorf fahren und einen Bummel über die Kö machen, aber Hannchen ist das alles zu umständlich. Und gucken können sie auch hier, hat sie gemeint.

Änne hat ihren sonnenblumengelben Herbstmantel über die Stuhllehne geworfen. Der Nachmittag ist lau. Und außerdem friert sie eh nicht so leicht. Durch die neue Lesebrille studiert sie – mehr als die erhobene Eiskarte – den Herrn auf der Bank gegenüber.

„Wollten wir nicht ein Stückchen Torte essen, Änne?“ Margarethe tippt mit dem Finger auf die andere Karte und weist mit einem Kopfnicken auf die bestimmt köstliche Obstblume am Nachbartisch.

„Ach! Ich habe da etwas anderes entdeckt!“ Ihr Blick verweilt immer noch bei dem Herrn.

„Du musst die Karte umdrehen! Oder …“ Toni senkt die Stimme. „Bist du einem Verbrecher auf der Spur?“

Änne schießt Röte in die Wangen. Sie dreht die Eiskarte um und winkt ihre Freundinnen verschwörerisch zu sich heran. „Pst … der Tünn ist mir etwas suspekt. So schnieke und dann die rote Nelke im Knopfloch, der passt doch echt nicht in diese Zeit!“

Margarethe zieht ihre neueste Hutkreation etwas weiter in die Stirn. Das passende, in schreienden Farben geblümte Kleid verhindert allerdings, dass sie sich unauffällig umschauen kann. Was soll sie machen? Das Motto für heute ist festgelegt. Sehen und gesehen werden. „Du hast recht, Toni. Er wirkt schon ein wenig, als wenn er etwas auf dem Kerbholz hätte. Wir werden ihn im Auge behalten.“

Toni nickt. „Was mir viel mehr Sorgen macht, wo bleibt denn unser Hannchen? Es ist bereits zwölf nach!“  Sie stellt die kleine Handtasche auf den Schoß und entnimmt ihr das Seniorenhandy, das ihr die Grazien zum Geburtstag geschenkt haben. Umständlich und erst im zweiten Anlauf entsperrt sie die Tasten. „Huch! Ein entgangener Anruf! Kennt ihr die Nummer?“

„Hast du Hannchen denn nicht eingespeichert? Ich hatte dir doch alles eingerichtet.“ Margarethe schüttelt verwundert den Kopf.

„Es war auf einmal alles weg.“ Toni schaut unglücklich in die Runde.

Mit einem Mal steht die Vermisste vor den Dreien. „Ihr glaubt nicht, was ich gerade erlebt habe!“ Sie greift sich das Glas Wasser vom Tisch und nimmt einen großen Schluck. „Entschuldigt, ich habe einen ganz trockenen Hals. Also, ich war bei Karstadt.“

„Ja und?“ Änne fordert Tempo im Erzählvorgang.

„Ich habe bei der Wäsche geguckt. Also Schlüpfer und Büstenhalter und …“

„Jaha, weiter.“ Die Freundinnen rücken noch näher zusammen, als Hannchen sich auf dem vierten Platz niedergelassen hat.

„Also, in der Nachbarumkleide habe ich ein Gespräch mit angehört. Ich konnte natürlich nur das hören, was die Frau gesagt hat.“

„Mensch Hannchen! Komm zum Punkt.“

„Die Frau hat gesagt, dass sie eine Verabredung hat. Irgendwo hier und dass sie nervös ist.“

„Ja?“

„Und sie war vorher bei der Sparkasse und hat 500 Euro abgehoben!“

 „Ach du grüne Neune! Da ist jemand hinter ihrem Geld her! Was hat sie dann gemacht oder hast du mit ihr gesprochen?“

„Nein. Ich weiß es nicht, ich habe mich gar nicht erst ausgezogen, sondern bin aus der Kabine raus und habe mich unauffällig an den Ständern aufgehalten. Bei den Morgenmänteln.“

„Und dann? Was ist dann passiert?“

„Sie kam aus der Kabine. Mitte sechzig, schätze ich. Ganz schick in Bluse, engem Rock und einem passenden Blazer.  Ich war nur etwas verwundert, dass sie eine rote Nelke im Knopfloch hatte. Wer macht heute …“

Margarethe springt auf. „Ha! Wusste ich es doch!“

„Was?“

„Da!“ Margarethe dreht den Kopf und zeigt auf die Bank gegenüber. Sie ist … leer! „Nein. Jetzt haben wir ihn verloren!“

Hannchen blickt verwundert zwischen den Freundinnen und der Bank hin und her.

„Wir müssen ihn finden. Ich wusste doch gleich, dass an dem Kerl etwas suspekt ist. Kommt mit!“ Sie klemmt einen Fünf-Euro-Schein unter die Wasserflasche und geht eiligen Schrittes in Richtung Marktplatz. Den anderen bleibt nichts weiter übrig, als die Verfolgung aufzunehmen.

„Seht ihr ihn irgendwo?“

Hannchen schüttelt den Kopf. „Ich kenne ihn doch gar nicht und ich weiß auch gar nicht, was ihr meint!“

Toni hat keine Zeit, sie aufzuklären, denn sie hat ihn zwischen dem Kartoffelstand und der Wurstbude entdeckt. Auch Änne ist sich ganz sicher.

„Und die Frau daneben ist die aus der Umkleide!“ Hannchen stößt einen erstickten Schrei aus.

„Pst! Wir verteilen uns und nehmen sie in die Mitte!“

Margarethe kommt genau in dem Augenblick neben dem Herrn zu stehen, als die besagte Frau einen Umschlag aus der Tasche zieht. „Oh, verzeihen Sie bitte!“ Margarethe spricht ihn forsch an. „Kennen wir uns nicht?“

Die fremde Frau stockt und schiebt den Umschlag wieder in ihre Tasche.  Er tritt einen Schritt zurück. „Nein! Ich glaube nicht, gehen Sie weiter.“ Er hakt die Begleiterin unter und versucht, sie mit sich zu ziehen.

Doch Margarethe sieht Unsicherheit in ihren Augen und dann passiert alles in Sekundenbruchteilen. Der Herr stolpert über das ausgestreckte Bein von Toni. Hannchen versucht, einen Notruf abzusetzen. Änne schiebt sich vor die fremde Frau und Margarethe reibt sich siegessicher die Hände!

„Wenn das mal kein Heiratsschwindler ist, dann will ich heute Abend meinen Hut essen!“

Mittlerweile hat sich Publikum angesammelt, das interessiert das Spektakel verfolgt. In Zeitlupe steht der Herr auf, klopft sich die gute Hose ab und steckt die rote Nelke wieder ordentlich ins Knopfloch. Dabei bedenkt er das ungewöhnliche Vierergespann mit einem ärgerlichen Blick. Seine Begleitung hält sich erschrocken die Hand vor den Mund und geht dann einen Schritt auf ihn zu.

„Herbert! So aufregend hatte ich mir das mit dir nicht vorgestellt.“

„Und das nach vierzig Jahren, meine Liebe.“

Völlig verdattert macht Margarethe nun einen Schritt zurück. „Aber, aber …“ Hannchen, Toni und Änne ist gleichfalls klar, dass sie anscheinend völlig am Ziel vorbeigeschossen sind.

Endlich hat Margarethe ihre Sprache wiedergefunden und entschuldigt sich wortreich bei dem Paar. „Aber die rote Nelke?“

Mittlerweile kann sich der Mann trotz der grotesken Situation ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ja, wir wollten Fotos zu unserer Rubinhochzeit anfertigen lassen.“

„Und das ganze Geld?“ Hannchen beißt sich zu spät auf die Lippe.

Jetzt fragt das Paar: „Woher wissen Sie von dem Geld?“

„Das ist eine längere Geschichte. Und die beginnt in der Umkleide bei Karstadt und endet bei Spetsmann. Ich glaube, zur Entschädigung für unseren Feuereifer bei der Verbrechensbekämpfung wäre es nett, wenn wir Sie zu einem Kaffee und einem Stück Obstblume einladen, wenn Sie das Hochzeitsfoto im Kasten haben.“

„Warum nicht. Fünfmal Obstblume und Kaffee, einmal …“

Margarethe weiß bereits, was die Stunde geschlagen hat.          „… einmal Hut! Und keine weiteren Zusammenstöße. Wir Vier sind eben ein nicht zu unterschätzendes Quartett.“

4 Antworten auf „Beinahe ein Krimi“

  1. Tja, liebe Grazien, bleibt die Frage, was es nun mit den 500 Euro im Umschlag auf sich hat. Das riecht doch ganz nach einer weiteren Geschichte …
    Mit kriminalistischen Grüßen
    Christiane

  2. Liebe Margarete, lieber Clemens,
    na, da waren die Grazien mal wieder spannend unterwegs …
    Wehe denen, die ihnen begegnen; das würde ich auch gerne mal tun, damit ich dann im Anschluss ein leckeres Stück Obstblume bekomme …
    Herzliche Grüße,
    Sabine.

    1. Liebe Frau Sabine ;) Irgendwann in naher Zeit werden wir uns schon über den Weg laufen. Aber Obstblume gibt es immer erst n a c h einem gelösten Fall. Herzlichen Gruß, Margarethe

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