Kleider machen Leute

Geöffneter Lederkoffer

 

Mit dieser Kurzgeschichte bekommen Sie den perfekten Eindruck von Margarethe und ihren Freundinnen Änne, Hannchen und Toni. Sie sind die selbsternannten Grazien und immer für eine Überraschung gut.

Viel Spaß beim Lesen.

Oder auch beim Hören ;). Als Besonderheit habe ich die Geschichte als Audio eingesprochen. Sie finden sie auf der HÖR-Seite.

Toni, Hannchen und Änne blicken sich verwundert an. Die Tür ist nur angelehnt. Hoffentlich ist ihr nichts passiert!

„Margarethe?“, ruft Änne zögerlich in die Wohnung, als Toni bereits an ihr vorbeiprescht.

„Wo bist du? Margarethe! Ist etwas passiert? So melde dich doch!“

„Hiiiieer ….“, kommt ein erstickter Ruf aus dem Schlafzimmer.

Die drei Grazien stürzen links um die Ecke. Und bleiben abrupt stehen, als sie nur Margarethes Beine und ihren nicht ganz schlanken Popo unter dem Bett hervorblitzen sehen. Bekleidet mit einem langen cremefarbenen Unterkleid. Hannchen kichert verhalten.

„Jetzt lach nicht so! Ich klemme fest!“

„Entschuldige!“ Ihre Freundin fühlt sich ertappt. „Was machst du denn unter dem Bett?“

„Ich … Nein, hach! Könnt ihr das Bett anheben?“ Sie niest die übersehenen Staubflocken aus der Nase.

„Das schwere Holzbett? Keine Chance“, meint Änne.

„Irgendwie müssen wir Margarethe da drunter weg bekommen! Wir können sie doch nicht liegen lassen.“ Toni spricht das einzig wahre Wort. „Also Änne, du gehst ans Kopfende, Hannchen ans Fußende und ich stelle mich direkt neben diese verrückte Nudel. Und bei drei, Margarethe, schiebst du dich zurück! Eins, zwei, drei!“

Die drei wackeren Damen legen all ihre Freundschaft zu Margarethe in die Waagschale, um das Bett einige Zentimeter in die Höhe zu bewegen.  Aus dem Augenwinkel sehen sie, wie sich ihre Freundin mit dem Hinterteil wackelnd nach hinten schiebt.

„Ich, ich kann nicht mehr! Vorsicht!“ Hannchen hält sich den schmerzenden Rücken.

Ungewohnt fluchend hören sie das Opfer unter dem Bett.

„Wir brauchen Hilfe! Ist Clemens nicht da?“

„Nein, nicht Clemens! Herrgott! Nicht so, in meinem Unterkleid!“ Margarethe tobt, soweit von Toben die Rede sein kann.

„Margarethe, da hast du jetzt keine Wahl. Massivholzmöbel erfordern besondere Maßnahmen.“ Toni sagt es, nimmt eine Wolldecke vom Bett und wirft sie über Margarethes Allerwertesten. Dann tritt sie aus der Wohnung und trifft just in diesem Augenblick auf den Erwähnten, als sich seine Tür öffnet.

„Toni! Guten Tag! Sind Sie zu Besuch bei Margarethe?“

„Ja, wir alle. Wir brauchen Ihre Hilfe, Clemens. Margarethe – und pst, bitte lachen Sie gleich nicht – steckt unter dem Bett fest.“

„Sie … wie bitte?“

„Kommen Sie einfach mit!“

„Ja, ja natürlich.“

Ein Schmunzeln kann er sich nicht verkneifen, als er seine Nachbarin in dieser verzwickten Lage sieht. „Liebe Margarethe, im Spiel wäre das Schach.“

„Wenn du nun schon mal hier bist, wärest du wohl so höflich, die drei zu unterstützen, damit ich nicht gleich matt bin?“

„Aber natürlich, Lieblingsnachbarin!“

Fünfzehn Sekunden später robbt Margarethe mit hochrotem Kopf und unter Stöhnen unter dem Bett hervor, bepudert mit einer dünnen Schicht Federbettenausschlagstaub. Sie geht auf die Knie und klopft sich die Hände am Unterkleid ab. Im gleichen Moment rutscht die Wolldecke Richtung Boden und gibt mehr preis, als sie möchte!  „Clemens! Umdrehen!“

„Wie wäre es erst einmal mit Danke!? Außerdem habe ich dich schon ganz anders gesehen …“

Toni, Hannchen und Änne reißen ihre Münder auf. Doch Clemens hat gerade kein Auge dafür, in Zwischenzeilen zu lesen.

„Danke, Clemens. Und euch auch. Ich …“ Sie geht wieder in die Knie und zieht einen großen ledernen Koffer auf den Läufer vor das Bett, bevor sie wie eine Majestät zwischen ihren Freunden entlang schreitet und im kleinen Bad verschwindet.

Zurück lässt sie vier Ratlose, die die erlebte Aktion noch nicht ganz begreifen.

„Ist sie jetzt verrückt geworden?“ Hannchen schaut Toni fragend an.

„Papperlapapp. Ich setze jetzt einen Kaffee auf, solange sie sich im Bad versteckt und dann wird sie uns schon erzählen, was sie da geritten hat.“

„Ich bin gespannt, was in dem Koffer ist!“ Änne fingert bereits an den Schnallen herum, doch der strafende Blick von Clemens beendet die Aktion der voreilig Neugierigen.

Wenig später sitzen die fünf um Margarethes Esstisch. Sie ist wieder ordentlich zurechtgemacht und deutet auf den Koffer, der jetzt abgestaubt auf dem breiten Sessel, ihrem Lovechair, liegt.

„Bestimmt wollt ihr wissen, was in dem Koffer ist!“

Änne schüttelt den Kopf. „Erst einmal möchte ich wissen, warum deine Wohnungstür auf war. Was in diesem Fall dein Glück war, Margarethe! Wir hätten dir nicht helfen können. Oder haben Sie einen Schlüssel, Clemens?“

Bevor er antworten kann, schießt ihre Freundin wie aus der Pistole. „So intim sind wir nicht!“

„Du bist wirklich eine Verrückte, Margarethe. Ein zweiter Schlüssel wäre aber gut. Stell dir mal vor, du kommst nochmal in so eine Lage.“

„Das habe ich nicht vor“, gibt sie störrisch zu verstehen.

Clemens beugt sich nach vorne. „Also von mir aus gerne. Auch wenn wir nicht sooo …“

„Schon gut, danke dir. Ich habe es verstanden. Ich lasse noch einen nachmachen. Ja, die Tür war auf, weil ich dachte, ich hätte euch bereits gehört. Und dann …“

„… wolltest du nochmal schnell unter das Bett kriechen?“

„Ich dachte es geht einfacher. Aber der Koffer war bis in die hinterste Ecke gerutscht. Ich habe doch dem Schauspielverein versprochen, dass ich in meinem Fundus schaue, ob ich ein passendes Kleid für die nächste Aufführung habe.“

Änne schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Die Majestät!“

Clemens nickt verstehend. „Jetzt würden wir dich in dem guten Teil aber auch gerne sehen.“

Margarethe öffnet die Lederschnallen des bald antiken Koffers, fischt das royalblaue, üppig bestickte und mit Strasssteinchen verzierte Kleid heraus und verschwindet im Schlafzimmer. Es raschelt hinter der angelehnten Tür.

Gespannt warten ihre Freunde in der Wohnküche.

„Ich komme jetzt …“, ruft sie lachend aus dem Schlafzimmer. „Nehmt Haltung an!“

Schnell stehen Clemens und die Grazien auf. Zwei und zwei, rechts und links aufgestellt, warten sie auf ihre Hoheit.

„Donnerlittchen!“, entfährt es ihm, als Margarethe gemessenen Schrittes durch den schmalen Flur tippelt. „Oder wäre Ihre Durchlaucht angebrachter?“

Sie kichert nicht standesgemäß. „Kleider machen eben Leute!“

4 Antworten auf „Kleider machen Leute“

  1. Liebe Sonja,
    grins, sofort sind Bilder im Kopf, ich sehe und höre sie, wie ihre Freundinnen mit Clemens’ Hilfe Margarethe retten …
    Ich mag die Figuren, sie sind mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen,
    liebe Grüße,
    Sabine

    1. Liebe Sabine, da sprichst du ein wahres Wort. Ich kann auch nicht mehr ohne die Bande. Und Clemens ohne Margarethe, das wäre wie Torte ohne Sahne ;). Gut, dass sie ihm über den Weg gelaufen ist …
      Danke für’s Feedback. Sonja

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