Neues lernen – mit wachsendem Respekt

Ich fühle mich in die erste Klasse zurückversetzt. Die Hand verkrampft beim Schreiben, obwohl ich vorerst nur Punkte malen muss.

Aber alles klappt besser als der nächste Schritt.

Laut und stockend ‚entzaubere‘ ich beim Lesen jedes Pünktchenpaar, -trio oder -quartett. Gut, dass ich keine Zuhörer habe.  Von Zauber ist eigentlich keine Spur, so hakelig stottere ich durch die Buchstaben und Sätze.

Ich bin wieder sechs. Halblange blonde Haare, kurzer Pony, Hornbrille, ein geringelter heller Kurzarmpulli, darüber ein rotes, enges Kunstlederkleid in mini (das Foto werde ich meinen Blog-Besuchern lieber vorenthalten). Ich stelle meinen orangenen (Leder-?)Tornister ab. Auf der Tafel kratzt die weiße Kreide. Grundschule Im Wiesengrund. Herr Becker ist mein geduldiger Klassenlehrer. Artig sitzen wir  I-Männchen an unseren kleinen Pulten und fahren mit dem Zeigefinger die Zeilen entlang, bemüht, die ersten Wörter zu lesen.

Ich  muss  im  Keller  unbedingt  nach  meinem  ersten  Lesebuch
schauen  – den bunten Pappumschlag  sehe ich genau vor mir – geht es mir durch den Kopf, während ich aus der Vergangenheit auftauche und wieder im Jetzt lande.
Ich tue mich schwer, die Buchstaben aneinander zu binden und erwische mich dabei, wie ich das vermeintlich richtige Wort noch vor dem letzten Buchstaben erkannt haben will. Doch es ist ein ganz anderes. Einige Braille-Buchstaben verschwimmen vor meinen  Augen,  die  zugehörigen  in  Schwarzschrift  wollen  mir
partout nicht einfallen. In meinem Kopf nur noch Wattewolken. Ich brauche eine Pause.

Eine Runde an die frische Luft, den Himmel nach Inspiration absuchen und die Braille-Wolken auf die Reise schicken. Danach einen Kaffee auf der Terrasse. Und einen Plausch über drei Meter vom Erdgeschoss auf den Balkon über mir. Die beste Nachbarin von allen verrät mir, dass sie auch Braille gelernt hat. Vor dreizehn Jahren bei einem Praktikum in einer Einrichtung (Werkstatt, Wohnheim und Trainingszentrum) für blinde und geistig behinderte Menschen. Ort war das Zentrum für lebenspraktische Fähigkeiten, Hagen. Für sie sehr intensive und bereichernde Wochen. Den Praktikumsbericht dazu reicht sie mir, noch bevor ich fragen kann. Hoffnung keimt, dass wir ein Übungsteam werden und uns gegenseitig schreiben können. Doch ihre Kenntnisse sind leider nach so vielen Jahren verschüttet. Genau wie bei anderen Sprachen (ich gebe zu, dass meine Griechisch-Kenntnisse auch nur noch sehr dürftig sind) ist Dranbleiben wichtig. Begeistert erzählt sie mir noch vom Lormen, der Sprache, mit der taubblinde Menschen sich verständigen. Hier werden bestimmte Punkte in die fremde, meist linke Hand gestrichen beziehungsweise getippt. Ich habe noch nie davon gehört.

Aber  vorerst  habe  ich  mir vorgenommen, das Braille-Alphabet
zu lernen und lesen und schreiben zu können. Unsicherheit aber auch nervöses aufgeregtes Kribbeln zeigen sich deutlich. Ich habe mir ein Ziel gesteckt und möchte es erreichen.  Das dazu gehörige Gefühl habe ich bereits neu geankert.

Meine beiden Protagonisten fallen mir ein. Clemens und Margarethe. Ich würde gerne von ihren MUT-Projekten erzählen, aber das hieße zu diesem Zeitpunkt, zu viel zu verraten.

Vom Kurzzeit- muss das neue Wissen jetzt aber noch ins Langzeitgedächtnis wandern. Hierzu finde ich verschiedene Lernspiele auf www.fakoo.de Ich probiere Memory und ein Alphabet-Schiebe-Puzzle. Es klappt ganz gut.

Im Internet habe ich Schablonen zum Schreiben gefunden. Soll ich sie bestellen? Es würde mich interessieren, die Punkte selber zu setzen. Von rechts nach links und jeden Braille-Buchstaben einmal „verkehrt“, da die erhabenen Punkte von der Rückseite des Blattes getastet werden. Für diesen Schritt muss ich noch viel sicherer werden.

Weiter geht’s.

2 Antworten auf „Neues lernen – mit wachsendem Respekt“

  1. Liebe Sonja, lieber Clemens,
    na, das klingt ja ziemlich spannend. Ich glaube wir sollten alle viel mehr Dinge tun, die wir noch nie zuvor gemacht haben, das müssen wir noch nicht enmal lernen nennen, Neues entdecken klingt gleich spannender.
    Dir viel Erfolg beim Entdecken der neuen Zeichen-Welt,
    viele Grüße,
    Sabine

    1. Und es geht schon weiter, liebe Henni. Mein Braille Bilderbuch ist angekommen. Max, der Trödelprinz. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag ;) Sternzeile

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