Ins Wasser gefallen … Teil V

Mit weißen Rosen geschmückte Kirchenbänke (Hochzeit)

Mika gähnt ungeniert und schmiegt sich tiefer unter die Wolldecke. Clemens blickt sinnierend aus dem Fenster. In Gedanken sieht er sich in Lottes Hauseingang, wie er sie heimlich küsst. Er hört die Orchestermusik, die aus der Küche dringt. Wie gestern ist ihm, dass ihr Vater in seinem Lehnsessel sitzt, einen Taktstock in der Hand, mit dem er die Musik aus dem Küchenradio dirigiert. In seiner Erinnerung wirkt er gar nicht streng.

Aber das flaue Gefühl von damals macht sich wieder in seinem Magen bemerkbar.

„War nur ihr Papa da?“

„Nein, auch Lottes Mutter, aber sie war erst in der Küche beschäftigt. Sie kam etwas später dazu und brachte ein Tablett mit Kaffee und Wasser und einigen Plätzchen.“

„Und dann?“

„Dann wusste ich auf einmal nicht, was ich sagen wollte. Ihr Vater hat mich angeschaut und ihre Mutter hat mir still und mit freundlichem Blick einen Kaffee eingeschenkt und ich stand da und war sprachlos. Lotte neben mir hat meine Hand gedrückt und mich wartend angeguckt. Nichts. So, junger Mann, hat dann ihr Vater angesetzt, ich habe läuten gehört, dass Sie ein Auge auf unsere Lotte geworfen haben. Ich konnte nur sprachlos nicken. Was haben Sie denn gelernt, fuhr er fort. Ich arbeite in einer Buchbinderei, gab ich ihm zur Antwort. Und können Sie denn unser Mädchen auch ernähren? Es dauerte, bis ich endlich den Mut fand, auf seine Frage zu antworten. Ich musste zugeben, dass mein Lohn knapp sei und dass Lotte doch wohl auch den ihren aus der Arbeit im Unternehmerhaushalt beisteuern würde. Das hatte sie mir auf jeden Fall zugesichert. Er war überhaupt gar nicht begeistert. Das Gespräch ging hin und her und am Ende stand die Frage im Raum, was denn wäre, wenn wir heiraten und seine Tochter ein Kind austragen würde und ich könnte die Familie mit meinem Lohn nicht versorgen.

Auf einmal stellte sich meine Lotte vor mich und sagte, Vater, ich bin alt genug. Clemens und ich lieben uns und wir möchten heiraten. Wir möchten gerne eure Zustimmung, aber wir brauchen sie nicht. Wir sind Manns genug, für uns zu sorgen und wenn wir eine Familie gründen, werden wir eine Lösung finden!“

Clemens Blick wandert zum Sofa. Ein Lächeln legt sich auf sein Gesicht, als er sieht, dass Mikas regelmäßige Atemzüge unter der Decke einen gesunden Schlaf anzeigen. Die Augen sind geschlossen, die langen Wimpern zittern ein wenig in dem jungen Gesicht. Wahrscheinlich macht er sich eigene Gedanken zu der Liebesgeschichte seines großen Freundes. Sei es drum.

Er taucht wieder in die Vergangenheit. Wie mutig seine Lotte damals schon war und ließ sich nicht unterbuttern. Aber wieviel Angst er gehabt hatte, dass die ganze Verlobung ins Wasser fallen würde! Ihr Vater hatte sie beide eine Weile mit einem Gesicht gemustert, welches er gar nicht einordnen konnte. Und dann hatte er gesagt: Das gefällt mir! Clemens Bischof, ich gebe Ihnen meine Lotte, passen Sie gut auf sie auf. In guten wie in schlechten Tagen, sonst bekommen Sie es mit mir zu tun. Setzte sich wieder in seinen Sessel und fuhr fort, das imaginäre Orchester zu dirigieren. Tja, so war das Treffen mit den zukünftigen Schwiegereltern doch noch gut ausgegangen.

Clemens kommt auch gedanklich wieder in seiner guten Stube an. Mika räkelt sich und pustet seinen Atem in die Wirklichkeit. Die Gesellschaft des aufgeweckten Jungen tut ihm gut. Seit einem guten Jahr kennt er ihn und mag ihn nicht mehr missen. Und auch wenn der noch sehr junge Mann seine Geschichte nicht ganz mitbekommen hast, hat ihm selber diese Reise in die Vergangenheit gut getan. In die Zeit mit Lotte, für die er nach wie vor dankbar ist und die ihn geschützt und gestärkt hat.

Wie gut, dass sie damals die elterliche Zustimmung erhalten hatten, so dass die Verlobung nicht ins Wasser gefallen war, sondern der Start in eine glückliche Zukunft.

 

Das war ein kleiner Einblick in Clemens Vergangenheit, die Zeit, in der er seine Lieselotte kennen- und liebengelernt hat …

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