Ins Wasser gefallen … Teil IV

Häuserzeile Iserlohn, Aloysiusstraße

„Die isst du gerne? Tja, dann wirst du es anders merken. Es muss nicht unbedingt mit dem richtigen Bonbon anfangen.“

„Wie ging es denn dann weiter?“

„Du wirst schon mit achtzehn Jahren erwachsen. Zu meiner Zeit musste man ein paar Jahre länger warten, bis man alles selbstständig entscheiden durfte. Mindestens bis 21.“

„Aber warte mal. Dreißig ist mehr als einundzwanzig! Das wart ihr doch. Und dann habt ihr euch eine Wohnung zusammen genommen?“

„Nein, so einfach war das alles nicht. Hör mir zu …“ Clemens stellt das Geschirr an die Seite. Gedankenverloren schiebt er die schwarzweißen Fotos hin und her. Mika ruckelt unruhig auf dem Stuhl. „Wenn du kein Sitzfleisch mehr hast, kannst du dich auch auf das Sofa legen. Nimm dir die Decke dazu …“

Sofort hüpft der Junge auf das Polstermöbel, legt eines der Kissen für den Kopf bereit und schlägt die Decke auseinander.

„Wir haben uns also immer mal wieder getroffen, so wie unsere Arbeit das zuließ. Aber wir mussten vorsichtig sein. Lottes Vater wollte nicht, dass sie mit irgendwelchen Männern anbandelte, also spazieren ging oder tanzen.“

Auf Mikas Stirn bildet sich eine dicke Falte. „Warum das denn nicht?“

Clemens erklärt ihm, dass es eine andere Zeit war. Dass sie sich trotzdem getroffen hätten, weil sie sich gerne mochten. Und dass Lotte eines Tages zu dem verabredeten Treffpunkt gekommen sei und erzählt hätte, dass ihr Vater hellhörig geworden sei. Er hatte sie gefragt, wo sie denn so oft hinging und mit wem sie ihre Zeit verbrachte.

„Und weißt du was, Mika? Lotte hat ihm geradeheraus gestanden, dass sie einen Freund habe. Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen, dass ihr Vater nicht begeistert war. Er hat ihr gesagt, wenn ich Mut in den Knochen hätte, dann sollte ich mich mal bei ihm vorstellen. Er wollte wissen, was seine Tochter denn für einen Umgang pflegt! So kam es dazu, dass sie mich ihren Eltern vorstellen sollte. Davor hatte ich Angst.“

„Warum denn das? Waren die nicht nett?“

„Das wusste ich nicht recht einzuordnen. Lotte hatte mir erzählt, dass ihr Vater sehr streng sei. Und da sie den beiden neben ihrem Beruf als Hauswirtschafterin in einem Unternehmerhaushalt auch zu Hause zur Hand ging und dort wohnte, hatte ihr Vater das Sagen.“

„Aber sie war doch schon so alt wie meine Mama, hast du gesagt.“

„Ja. Trotzdem. Kennst du das Sprichwort, Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, tust du das, was ich möchte?

Mika schüttelt den Kopf.

„So war das früher. Heute wird das nicht mehr so streng gehandhabt, aber früher hat man gerne gesehen, dass sich die jungen Leute verloben, wenn sie in aller Öffentlichkeit als Paar auftreten. Als also der Zeitpunkt gekommen war, dass ich Lotte heiraten wollte, musste ich zu ihrem Vater gehen und ihn um die Hand seiner Tochter bitten. Auch wenn sie schon so alt war wie deine Mama.“

„Ihre Hand? Ist ja komisch. Konnte sie nicht einfach von zu Hause ausziehen und mir dir zusammen sein?“

„Vielleicht hätte sie das gekonnt. Aber das tat man nicht. Also ging ich an dem Tag, den Lotte mit ihren Eltern ausgemacht hatte zu ihr. Ich hatte für ihren Vater eine gute Zigarre gekauft und für ihre Mutter ein paar Blumen.“

„Warst du aufgeregt?“

„Und ob, mein Junge. Mein Herz hat so laut geschlagen, als ich vor der Tür gestanden habe, dass sie es in ihrer kleinen Wohnung gehört haben müssen. Ich bin gar nicht dazu gekommen, den Finger auf die Klingel zu legen, da hatte mir Lotte bereits die Tür aufgemacht.“

FORTSETZUNG FOLGT

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.