Ins Wasser gefallen … oder: Blick in ein anderes Leben

 
Anbei eine Kurzgeschichte zu zweien meiner Roman-Hauptpersonen, dem kleinen Mika und natürlich Clemens. Die Geschichte ist  – wie noch weitere, die folgen – nicht aus dem Buch entliehen, sondern zusätzlich entstanden.

Alle paar Tage gibt es die Fortsetzung.

Viel Spaß beim Lesen!

Die Wasserpfütze scheint unüberwindbar. Clemens Bischof bleibt abrupt stehen. Da läuft ihm sein junger Begleiter ohne Vorwarnung ins Kreuz.

„Warum bleibst du denn stehen, Clemens?“

„Mika! Wo bist du mit deinen Gedanken?“

Die Sätze stehen gleichzeitig in der Luft, bevor sie die ungleichen Freunde erreichen. Herr Bischof deutet auf das Ausmaß der Wasserfläche. „Ich kann zwar schwimmen, aber ich habe keine Gummistiefel an“, fügt er als Erklärung hinzu.

„Stimmt! Der ganze Weg ist nass.“

„Und links ist eine Mauer …“

„… und rechts eine Hecke. Dann geht es eben nicht.“

„Wir können aber auch …“ Der Ältere bückt sich und zieht tatsächlich die braunen Lederschuhe und die Socken aus. „Machst du mit, Mika? Warm genug ist es.“

„Ich glaube es nicht. Ich glaube es nicht!“ Der Achtjährige lacht und tanzt um ihn herum. „Du bist ja …“

„Cool?“

„Ja, cool!“ Das riecht dermaßen nach Abenteuer, dass er nicht anders kann, als mitzumachen. Jetzt schnell den Klettverschluss geöffnet. Die schwarzen Turnschuhe fliegen von den Füßen. Kurz darauf liegt eine Socke auf der schmutzigen und feuchten Erde. „Was mache ich mit der?“ Mika hebt die Socke mit spitzen Fingern hoch und blickt ihn ratlos an.

Sein Freund streicht sich über den rötlichblonden Haarkranz. „Warum machst du sie nicht mit dem Klettband am Schuh fest? Dann kann sie wieder trocknen.“

Mit wachen Augen müht sich der Junge, die Idee umzusetzen. Dabei fährt seine Zunge ob der Anstrengung wie ein Scheibenwischer zwischen den Mundwinkeln entlang. „Fertig! Ist das Wasser kalt?“

„Je tiefer es ist, desto kälter ist es. Aber da es sich um eine Pfütze handelt, auch wenn sie groß ist, werden dir die Zehen schon nicht blau frieren, noch wirst du ertrinken, mein Junge.“

„Aber du gehst zuerst.“

„Traust du dich nicht? Sei mutig, und wenn du es nicht bist, tu so als ob!“

„Das ist wieder so ein Spruch von dir, oder?“

„Nicht von mir. Aber mir fällt gerade nicht ein, von wem.“ Er bleibt beobachtend am Rand der Szene stehen. Sieht, wie Mika mit sich kämpft. Dann dreht sich der Junge um und geht auf nackten Sohlen etliche Meter zurück. Vorsichtig. Ab und an zuckt er zusammen. Die kleinen Steine auf dem Weg, die sich in seine nackte Haut bohren, entlocken ihm allerdings keinen Laut. Plötzlich rennt er los, mit einem selbstbewussten und grimmigen Ausdruck auf dem kindlichen Gesicht und springt vom Rand der Pfütze mitten in diese hinein. Ein glücklicher Schrei begleitet den Erstlingspfützenflug über die erstaunliche Distanz. Er rudert mit den Armen, reckt dann die Faust in die Höhe und mit dieser Geste streckt er sich um viele Zentimeter nach oben. Wassertropfen stieben zu allen Seiten und erreichen sogar den Freund, der einige Schritte zurückgetreten ist, als er die Absicht erkannt hat.

Mika wendet sich ihm zu und dann lachen beide lauthals. „Jetzt du, Clemens!“

„Ich? Nein … Ich bin ein alter Mann.“

„Doch. Komm, bitte! Das macht Spaß. Ich halte auch deine Hand.“ Er lässt nicht viel Zeit vergehen und greift nach der Hand des Anderen.

Dieser blickt sich scheu nach allen Seiten um, doch auf dem Weg ist niemand zu sehen. Innerlich windet er sich noch und doch kitzelt ein Gefühl, das er aus seiner Kindheit kennt so deutlich an seiner Seele, dass er Mika zunickt. Es braucht kein weiteres Kommando, als die beiden zurückgehen, Anlauf nehmen und gemeinsam den richtigen Absprungpunkt finden. Die Landung allerdings …

 

FORTSETZUNG FOLGT

8 Antworten auf „Ins Wasser gefallen … oder: Blick in ein anderes Leben“

  1. Liebe Sternzeile,
    na, der Clemens und der Mika, die gefallen mir. Das wird doch auf jeden Fall ein Ort, an dem ich regelmäßig mit meinen roten Gummistiefeln mit weißen Punkten vorbeischauen werde.
    Ich kenne da einen netten Schuhverkäufer, der hat mir auch meine verkauft, die würde euch bestimmt auch gut stehen.
    Bis ganz bald mal,
    Henni.

    1. Hallo Henni, schön, dass du uns auch gefunden hast … Aber Mika ist schon zu groß für Gummistiefel, meint er jetzt auf einmal. Kinder, Kinder. Dir noch einen netten Abend! Sternzeile

    1. Hallo Monika, eine hervorragende Idee. Leider sind sie zur Zeit ausverkauft, Henni war schneller ;) Danke für deinen Besuch. Sternzeile

  2. Hi Sonja, ein vielversprechender Beginn. Sympatische Protagonisten. Wusste gar nicht, dass du an einem Buch schreibst oder schon geschrieben hast? In welchen Abständen schreibst du weiter? LG Anneliese

    1. Liebe Anneliese,
      ich danke dir! Das ist schon mein zweites Projekt. Es liegt mir sehr am Herzen. Und ich hoffe, dass es dieses Jahr zum Erfolg geführt wird :) Besuch mich gerne wieder, vielleicht Donnerstag? …
      Sternzeile

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